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Architektur und Wissen

Simone von Schönfeldt

Der Mensch lernt während seines gesamten Lebens. Dies geschieht unbewusst oder bewusst, allein oder in der Gruppe, angeleitet oder nicht. Auf jeden Fall findet das Lernen immer in einem räumlichen Kontext statt. Dabei kann es sich um ein organisches, um genauer zu sein um ein nicht von Menschen gestaltetes, Umfeld handeln – also um Natur. Oder aber es geht um Orte, wie die, welche dieses ­Kompendium gesammelt zeigt. Orte die für das Lernen erdacht, entwickelt, geplant und gebaut wurden. Orte an denen sich ­Menschen in Gebäuden und den dazu ge­hörenden Außenräumen bilden.

Der Entwicklungsprozess des sich Bildens zieht sich durch alle Lebensphasen. Und aus jeder Entwicklungsphase des Menschen ergeben sich unterschiedliche Anfor­derungen an Orte, in denen Lernen stattfinden kann. Deshalb zeigt Architektur und Wissen sowohl Kindergärten und Schulen als auch Hochschulen und Forschungsgebäude. Auch wenn ein Kindergarten und ein Hochsicherheitslabor auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben – beide verbindet eine Idee. Nämlich die, städtebaulich, architektonisch und landschaftsplanerisch die bestmögliche Umgebung für Bildung zu schaffen.

In Deutschland hat das Thema Bildung höchste Priorität. Das äußert sich in größe­ren Reformen und Gesetzesänderungen und vielen kleinen Anpassungsprozessen, auf die Planer von Bildungsbauten mit ihren Entwürfen reagieren müssen. Für jeden Bürger sollen optimale Bedingungen geschaffen werden, um zu lernen, denn Bildung ist grundlegend wichtig für die persönliche und berufliche Entwicklung. Dafür müssen bestehende Lehr- und Lernorte saniert und umgebaut, aber auch durch Neubauten erweitert werden. Zusätzlich entstehen an neuen Standorten Gebäude und Gebäude­komplexe, die sowohl monofunktional als auch multifunktional ausgerichtet sind. ­Dabei meint monofunktional die Kombination beziehungsweise das räumliche Zusammenbringen von Bildungsbauten für verschiedene Altersgruppen – wie Kindergarten, Schule und Volkshochschule oder Hochschule und Forschungsbau mit einem Kindergarten. Hier wird ein Mehrgenera­tionenlernen möglich: miteinander und voneinander. Multifunktional ist die Verbindung von Bildungsbauten mit Gebäuden, die der Infrastruktur und dem Wohnen dienen und bei denen man den Außenraum so gestaltet, dass er als verbindendes Element zum Aufenthalt einlädt. Hier spricht man vom Campus. Der Begriff wird seit dem 18. Jahrhundert für parkähnliche Gelände verwendet, auf denen Universitäten einen Gebäudemix für Studium und Forschung, aber auch für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens ­bereitstellen. Die Idee des Campus‘ findet sich auch vermehrt bei Schulen und modifiziert auch in Kindertagesstätten, weil sich Kinder und Schüler dort häufig ­ganztägig aufhalten, woraus sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ neue Anforderungen an Räume und Gebäude ergeben. Spricht man über Campusent­wicklung, muss betont werden, dass hier nicht an einen autarken Gebäudekomplex ohne Bezug zur Umgebung gedacht werden sollte. Sondern es geht um Campusstrukturen, die mit dem Umfeld vernetzt sind – es durch Angebote ergänzen und dessen Angebote nutzen. Hier beeinflussen Campusgelände die Entwicklung von Städten und Regionen positiv.

Unterschiedliche Altersgruppen haben verschiedene Bedürfnisse und lernen ­anders. Im Kindergarten geht es um Fühlen, ­Sehen, Hören – der Raum als dritter Erzieher soll alle Sinne ansprechen. In ihm sollen die ­Kinder sich bewegen und orientieren ­können. Räume in unterschiedlichen Dimensionen, mit Ausblicken und verschiedenen Helligkeiten sind anregend und schaffen die Voraussetzung für Raumerlebnisse. Durch die Kombination von Materialien, deren Oberflächen unbearbeitet-natürlich oder bearbeitet-gestaltet sind, werden haptische Erfahrungen möglich.

Auch Schulkonzepte setzen auf Lernprozesse, bei denen Neugier, Kreativität und Freude daran geweckt wird, Fragen zu formulieren und Antworten darauf zu suchen und zu finden. Es muss Räume geben für die Lehre und das Arbeiten in großen ­Gruppen oder Kleingruppen aber auch für das individuelle Lernen – das gilt natürlich auch für Hochschulen und Forschungsbauten. Die Frage, vor der jeder Planer steht ist die, wie viel Flexibilität in Hinblick auf neue pädagogische Konzepte und die damit verbundenen räumlichen Anforderungen wirtschaftlich einplanbar und umsetzbar ist. Mitzudenken sind auch potenzielle Umnutzungen und Erweiterungen.

Die technische Gebäudeausrüstung ist ein zentrales Thema in allen Bildungs­kontexten und auch immer eine besondere Herausforderung für den TGA-Fachplaner, der ­passende Lösungen für die Haustechnik erarbeiten muss. Das Thema Erweiterbarkeit sollte auch hier immer mitgedacht werden und aus­reichende Raumhöhen und Technikflächen berücksichtigen. Durch­dachte und funktionierende Technik ist nicht nur Grundlage für Erfolge in der ­Forschung, sondern macht sich direkt in jedem Bildungs­kontext bemerkbar – etwa, wenn durch maschinelle Belüftung in Klassen­räumen die Raumluftqualität gut ist und es nicht durch Sauerstoffmangel zu Konzentrationsschwächen kommt. Oder wenn durch gekonnten Einsatz von Sonnenschutz und Lichttechnik die Lernverhältnisse verbessert werden. Besonders in Großraumkontexten muss eine gute Raumakustik hergestellt werden. Jede Art der Technik muss energieeffizient sein, auch um die Betriebskosten gering zu halten.

In den letzten Jahren nimmt das Thema ­Sicherheit bei Bildungsbauten aller Art mehr an Bedeutung zu. Zum einen geht es dabei um Zugangskontrollen und Überwachungstechnik – nicht jeder, der in ein Gebäude oder einen Raum hinein möchte, soll hineinkommen. Zum anderen geht es darum, dass bestimmte Dinge oder Substanzen nicht aus Gebäuden herausdürfen: zum Beispiel Krankheitserreger aus Hochsicherheitslaboren. Hier jeweils der Situation angemessene Lösungen zu bauen, stellt alle Planer und Bauherren vor große Herausforderungen. Bildungsbauten – das ist ein Sammelbegriff für alle Gebäudetypologien, die dem Lernen und Lehren dienen. Wer Kindergärten, ­Schulen, Hochschulen oder Forschungsgebäude baut, der darf sich nicht an Standards abarbeiten, auch wenn Serienproduktion und Modulbau schon aus Zeit- und Kostengründen als Alternativen geprüft werden sollten, sondern er muss bei jedem Entwurf und jedem Auftrag den Nutzer vor Augen haben, seine Wünsche und Bedürfnisse verstehen und diese architektonisch um­setzen. Man muss wissen, wie Lernpro­zesse ablaufen, wo sie stattfinden und was räumlich und technisch notwendig ist, um sie zu begünstigen. Man muss politische und demografische Entwicklungen ­beobachten und fähig sein, die daraus gewonnenen Erkenntnisse räumlich zu interpretieren. Flexibilität bei Bildungsbauten bezieht sich nicht nur auf wandelbare Räume und potenzielle Nutzer- und Nutzungsänderungen. Sie müssen auch gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen und umsetzen. Wie beeinflussen beispielsweise das Internet und e-learning die räumliche Ausprägung von Lernorten? Welche Räume braucht man zukünftig nicht, welche dafür umso mehr? Oder wie kann ein zukunftsweisendes Raumprogramm für einen Kindergarten aussehen, bei dem die Flexibilisierung der Öffnungszeiten nicht nur am Morgen und am Abend, sondern auch an den Wochenenden mitgedacht wurde?

Das Kompendium zeigt fortschrittliche Bildungsbauten in Deutschland. Unsere Auswahl zeigt den gegenwärtigen Stand, spürt ­aktuelle Entwicklungen und Tendenzen auf und ­dokumentiert sie. Die Gliederung des ­Buches nach den Gebäudetypologien Kindergarten, Schule, Hochschule und Forschungsbau ist aufgrund der aufeinander folgenden Bildungsprozesse in den ­entsprechenden Institutionen gewählt und stellt keine Abgrenzung, sondern eine zeitliche ­Abfolge dar. Dabei wird in den Einleitungen der Kapitel auf die spezifischen Anforderungen der ­Nutzergruppen und die daraus resultie­renden räumlichen Notwendigkeiten eingegangen – wobei die Kernthemen sich in allen Kapiteln in architektonisch unterschiedlichen Ausprägungen zeigen.